22 Vermitteln, verleiten, polarisieren: Religiöse Kräfte in der Politik

Autor: Samuel Jackisch

Vermitteln, verleiten, polarisieren: Religiöse Kräfte in der Politik

Kirche und Staat voneinander zu trennen, gilt als Errungenschaft der Moderne. Alle Macht soll vom Volke ausgehen, nicht „von Gottes Gnaden“.

Insbesondere in wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Krisenzeiten inszenieren sich politische Akteure dennoch als Erlöserfigur oder verweisen auf religiöse Identitäten. Regelmäßig konsultieren sie neben weltlichen auch geistige Oberhäupter; nehmen religiöse Institutionen, NGOs und Lobbygruppen Einfluss auf politische Entscheidungsprozesse.

Die EU vereint gut ein Dutzend Religionen

Bei der Europäischen Union, die vom laizistischen Frankreich bis zur skandinavischen Staatskirche ein gutes Dutzend Religionen vereint, vertreten Kirchen und Konfessionen ihre Interessen im Brüsseler Gesetzgebungsprozess. Die Vereinten Nationen in New York behandeln Religionen als ursächlichen Faktor für Kriege und Konflikte, deren Folgen sie in Zusammenarbeit mit religiösen Hilfsorganisationen zu lindern suchen. Christlich, muslimisch, jüdisch – auch in der deutschen Politik tobt ein Definitionskampf um die gemeinsamen Grundlagen für das Zusammenleben.

Als Heilsversprechen oder Bedrohungsszenario, moralische Richtschnur oder Mittel zur Abgrenzung – auch in unserer säkularen Ordnung sind Religion und Macht aufeinander angewiesen. Der Staat garantiert die Freiheit der Religion und lädt sie im Gegenzug ein zu regelmäßigen Gastauftritten.

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